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Was ist Naphthalin? Der Kantonschemiker gibt Auskunft

Interview: Blog-Redaktion

Die Substanz Naphthalin wurde in zwei Räumen an der Kantonsschule Willisau, in Schulhäusern der Gemeinden Luzern, Ebikon, Kriens und Horw nachgewiesen: Die Richtwerte der beim Bauen verwendeten teerhaltigen Substanz wurden teilweise überschritten, verschiedene Massnahmen wie verbindliche Lüftungsplanung und Sanierung wurden getroffen. Aber was ist eigentlich Naphthalin? Der Kantonschemiker Dr. Silvio Arpagaus gibt Auskunft.


Dr. Silvio Arpagaus ist promovierter Biologe und diplomierter Lebensmittelchemiker. Seit 2012 ist er Kantonschemiker und Leiter der Dienststelle Lebensmittelkontrolle und Verbraucherschutz.


Was ist eigentlich Naphthalin und wozu wurde es beim Bauen eingesetzt?

Dr. Silvio Arpagaus: Die Älteren unter uns kennen Naphthalin noch von den Mottenkugeln, in denen dieser Stoff früher als Hauptwirkstoff enthalten war. Zwischenzeitlich wurde Naphthalin aber weitgehend durch andere, wirksamere und geruchsneutralere Substanzen ersetzt. Naphthalin tritt aber auch natürlicherweise auf. So entsteht es beispielsweise bei Verbrennungsprozessen wie beim Grillieren oder Rauchen.

 

Im grossen Stil wird Naphthalin in der Kunststoffindustrie eingesetzt. Es wird aus Erdöl wie auch aus Steinkohlenteer hergestellt. Bis in die 70er Jahre wurden wegen ihrer wasserabweisenden Eigenschaften teerhaltige Produkte beim Bauen verwendet. Diese Produkte wie Teerkleber oder Teerpappen enthielten oft Naphthalin, welches auch Jahrzehnte nach dem Einbau zu Emissionen führen kann.

Welche Probleme kann der Stoff verursachen? Ist Naphthalin speziell für Kinder schädlich?

Im Tierversuch konnte gezeigt werden, dass Naphthalin zu Entzündungen in den Atemwegen führen kann. Halten diese über einen langen Zeitraum an, kann es zur Entstehung von Tumoren kommen. Für eine Fallbeurteilung ist damit also nicht alleinig die Konzentration in der Raumluft, sondern auch die Dauer der Exposition, also wie lange jemand diesen Ausdünstungen ausgesetzt ist, entscheidend.

 

Gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO fehlen aber zuverlässige Hinweise zu einer möglichen krebserzeugenden Wirkung beim Menschen bei inhalativer Exposition. Daher ist Naphtalin als Kanzerogen der Kategorie 2 «kann vermutlich Krebs erzeugen» eingestuft. Die WHO

berücksichtigt in ihren Studien Bevölkerungsgruppen, die aufgrund ihres Gesundheitsstatus oder ihres Alters besonders verletzlich sind. Sie können deshalb auch für die Beurteilung der Innenraumluftqualität beispielsweise in Kindertagesstätten, Spitälern und Altersheimen herangezogen werden.


Naphthalin (Mitte) ist auch bekannt als weisser Teer, Kampfer Teer, Hexalen oder Motten Flocken.
Naphthalin (Mitte) ist auch bekannt als weisser Teer, Kampfer Teer, Hexalen oder Motten Flocken.
plastische Darstellung von Naphthalin als so genanntes Kallottenmodell (Bild: Wikipedia)
plastische Darstellung von Naphthalin als so genanntes Kallottenmodell (Bild: Wikipedia)


Wieso tritt jetzt diese Häufigkeit auf? Gibt es einen Zusammenhang mit den heissen Sommern der letzten Jahre?

Obschon in belasteten Räumen mit zunehmender Temperatur tendenziell höhere Naphthalin-Werte gemessen werden, sehen wir keinen Zusammenhang mit den klimatischen Veränderungen. Sicherlich haben die Berichterstattungen der letzten Monate aber auch zu einer Sensibilisierung für diese Problematik und zu vermehrten Schadstoffmessungen geführt. Zudem stehen wir heute derartigen Luftschadstoffen insgesamt kritischer gegenüber als früher, als ein Naphthalinduft im Kleiderschrank als Zeugnis eines gutgeführten Haushaltes galt.

Gibt es in unseren Schulhäusern und öffentlichen Gebäuden noch weitere schädliche Substanzen, die in den Baumaterialien verborgen liegen - wie Asbest oder Formaldehyd? Wenn ja: was wird hier unternommen?

Verschiedene Stoffe wurden früher wegen ihrer vorteilhaften Eigenschaften beim Bauen verwendet. Ein bekanntes Beispiel ist Asbest, welches im 20. Jahrhundert als Allheilmittel in einer Vielzahl von Produkten eingesetzt wurde. Erst nach und nach wurden auch die gesundheitlichen Gefahren bekannt, bis Asbest schliesslich 1990 in der Schweiz verboten wurde.

 

Massnahmen wie diese erfolgen jeweils angepasst auf den Einzelfall und das Risiko, welches für Mensch und Umwelt besteht. Es wird geschätzt, dass etwa 50’000 Stoffe in Wohnräumen vorkommen und zu Belastungen führen können.

Welche Massnahmen lassen sich vorsorglich treffen, um die Schadstoffbelastung zu verringern? Müssen nun alle Schulhäuser und Gebäude aus dieser Bauzeit saniert werden?

Schadstoffe entstammen verschiedenen Quellen. Entsprechend vielfältig müssen die Bemühungen sein, um deren Freisetzung zu verhindern oder zu reduzieren.

Die in der Raumluft unvermeidlichen Belastungen können aber ganz generell durch ein konsequentes Lüften gesenkt werden. Diese Massnahme ist auch bei einer Naphthalin-Belastung wirkungsvoll. Je nach Situation müssen aber weitergehende Massnahmen wie beispielsweise bauliche Sanierungsmassnahmen, lüftungstechnische Anpassungen oder die Installation von Raumluftfiltern getroffen werden.

 

Die Überwachung der Wohnhygiene und die Umsetzung von Massnahmen gegen gesundheitsschädliche Immissionen sind Aufgabe der Gemeinden. Der Kanton kann sie bei dieser Aufgabe unterstützen.

 


Naphthalin und Formaldehyd: Keine gültigen Grenzwerte in der Schweiz

Aktuell gibt es in der Schweiz keine gesetzlichen Grenz- oder Richtwerte für diese beiden Raumluftschadstoffe. Entsprechend orientiert man sich bei der Beurteilung an den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO), welche für Naphthalin einen Richtwert II von 30 µg/m3 vorgeben. Ab diesem Wert besteht Handlungsbedarf. Er gilt als Jahresmittelwert und nicht für eine einmalige Exposition Im Vergleich dazu liegt der Arbeitsplatzgrenzwert (SUVA) 1600-Mal höher.

 

Gesundheitliche Folgen

Unabhängig von den WHO- und BAG-Richtwerten gilt aus vorsorglichen Überlegungen: Je tiefer die Belastung, desto geringer ein mögliches Gesundheitsrisiko. Andererseits bedeutet eine Richtwertüberschreitung keine akute Gesundheitsgefährdung. Weitere Informationen betreffend gesundheitlicher Risiken: Merkblatt NaphthalinInformation Formaldehyd BAG, WHO Leitlinien für Innenraumluftqualität

 


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