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Zurück ins Schulzimmer: Ein Pensionär mit Ukulele und Gespür für Kinder

Text: Romy Villiger, Bilder: DVS

Seit dem Frühling 2022 unterrichtet Hans-Jürgen Schumacher im Durchgangszentrum St. Urban geflüchtete Kinder aus der Ukraine. Dafür ist er sogar aus der Pension zurückgekehrt. Obwohl er über 30 Jahre Erfahrung als Lehrer hat, ist es eine neue Situation für ihn - und auch für die Kinder. Was alle verbindet, ist das Ukulele-Spiel.

Kurz vor dem Mittag in der Schule am Zentrum für Geflüchtete in St. Urban: Akkorde an der Uke üben.
Kurz vor dem Mittag in der Schule am Zentrum für Geflüchtete in St. Urban: Akkorde an der Uke üben.
Pädagoge Hans-Jürgen Schumacher kümmert sich um gutes Lernklima und vertrauensvolle Beziehungen.
Pädagoge Hans-Jürgen Schumacher kümmert sich um gutes Lernklima und vertrauensvolle Beziehungen.

Schumacher spricht weder Russisch noch Ukrainisch: «Aber die Kinder sprechen meist gut Englisch und dies dient uns als Brückensprache. Die Kinder können die Arbeitsanweisungen in der Regel gut verstehen. Sie übersetzen einander auch gegenseitig». Der Pädagoge bereitet die Kinder primär auf die Integration in eine Regelklasse einer Gemeinde vor. Dafür müssen sie vor allem Deutsch lernen. Das klappt recht gut, viele erreichen nach etwa drei Monaten die Sprachniveaus A1 oder A2 (Einstiegskenntnisse). Doch die Sprache ist das eine, sehr wichtig sei ihm, für die Kinder ein Lernumfeld zu schaffen, in dem sie sich wohl fühlen, sagt Schumacher. «Eine gute Beziehung zwischen den Kindern und dem Lehrer ist für erfolgreiches Lernen unabdingbar. Seit Gehirnforscher Gerald Hüther wissen wir, dass Lernen vor allem dann gelingt, wenn zwischen Lehrperson und Schülerinnen und Schülern ein tragfähiges Vertrauensverhältnis besteht». 



Das Spiel auf der Ukulele als tägliches Highlight

Morgens um 8 Uhr treffen die Kinder der ersten Gruppe im Schulzimmer ein. Der Lehrer beginnt mit ein paar Aktivierungs- und Geschicklichkeitsübungen, damit alle richtig wach werden. Dann geht’s weiter mit Artikulationsübungen, also mit «Schnabelwetzen» wie z.B. Fischers Fritz fischt frische Fische. Das sei eine Art Gymnastik für den Mund, lacht Schumacher. Danach sind die Kinder bereit, um an deutschen Gedichten zu arbeiten. Dies hilft den Schülerinnen und Schülern in die deutsche Sprache einzutauchen. Danach folgen das Besprechen der Hausaufgaben und Übungen zum Festigen des Stoffes vom Vortag. Dann geht’s in der Regel weiter mit einem neuen Kapitel im Deutschlehrmittel «Beste Freunde», das die Kinder mit einem Grammatikspiel beenden. Um 9.15 Uhr ist Pause und die andere Gruppe trifft ein. Um 11 Uhr treffen sich alle zum gemeinsamen Ukulele-Spiel, bevor noch eine Stunde Mathematik mit beiden Gruppen auf dem Stundenplan steht.

 

Das Spiel auf der Ukulele ist ein täglicher Höhepunkt für Lehrer und Kinder. Die Kinder lieben das gemeinsame Musizieren. Die Ukulele ist gemäss Schumacher ein Instrument, auf dem man relativ schnell Erfolg hat und schon mit wenigen einfachen Akkorden Lieder spielen kann. «Wir bekamen die Instrumente geschenkt und musizieren jeweils etwa 10 bis 15 Minuten - bekannte Lieder und Melodien, beispielsweise «Blowing in the wind» etc. Das ist eine schöne Abwechslung», freut sich der Lehrer.

Im «Energiefeld der Kinder» lesen

Das Highlight des Tages für die 10- bis 16-Jährigen ist das Spiel an der Ukulele.
Das Highlight des Tages für die 10- bis 16-Jährigen ist das Spiel an der Ukulele.

Schumacher unterrichtete viele Jahre Regelklassen. Dort hatte er im Rahmen eines zirkuspädagogischen Projektes zwar auch mit Kindern von Migrantinnen und Migranten gearbeitet, aber ganze Klassen mit geflüchteten Kindern, die kein Deutsch sprechen, führt er jetzt zum ersten Mal. Auch bei der Zirkusarbeit und den mehrtägigen Ferientourneen erfolgte der Zugang zu den Kindern vor allem durch das gemeinsame Handeln bei der Arbeit am Programm.

Jetzt hat er zwei Gruppen à je sechs Schülerinnen und Schüler. In der einen Gruppe sind 10- bis 13-jährige und in der anderen 14- bis 16-jährige Kinder. Die Grösse der Gruppen variiert oft, denn wenn den Familien eine Wohnung zugewiesen wird, besuchen die Kinder den Unterricht in der Wohngemeinde. In der Regel ist das nach etwa drei bis sechs Monaten der Fall. 

 

Im Unterricht mit den Schülerinnen und Schülern aus der Ukraine spiele eben dieser, der nichtsprachliche Kontext, auch eine grosse Rolle. Man müsse sehr viel zeigen, pantomimisch arbeiten, abtasten. Lernen funktioniere ganz anders, die Beziehungsebene sei bei der Erlangung von Sprachkompetenz gerade in diesen Lernsituationen mindestens ebenso bedeutsam, wie die kognitive-intellektuelle Verstehensebene. «Man muss das ‘Energiefeld der Kinder’ lesen, das heißt wahrnehmen, wo die Kinder sich innerlich im Augenblick befinden. Das ist sehr spannend, aber auch eine grosse Herausforderung. Als Lehrperson darf ich mich nicht primär auf das konzentrieren, was ich mir für diese Lektion vorgenommen habe. Ich muss flexibel sein, mich ganz auf die Kinder einlassen und sie dort abholen wo sie momentan sind, dann klappt es auch mit dem Erlernen der Sprache. Der kürzeste Weg in der Pädagogik ist auch hier der Umweg!» sagt der erfahrene Pädagoge.

Kinder sind offen und diszipliniert

Seine Ukraine-Schülerinnen und Schüler erlebt Schumacher als zugewandt, offen und vor allem sehr diszipliniert. Als Lehrperson muss man sich nicht behaupten. Die Kinder sind leicht erreichbar und lachen gerne. Im Unterricht sind sie fröhlich und lebendig. Es sei keine traurige Stimmung auszumachen, auch wenn die Schüler ihre in der Ukraine zurückgeblieben Angehörigen vermissen. «Den Krieg mit all den schrecklichen Ereignissen blende ich in meinem Unterricht bewusst aus», so Schumacher. «Für eine gesunde Entwicklung brauchen die Kinder gerade entspannte und unbelasteten Erlebnisräume».

Sie wollen zurück in die Heimat

Selbstverständlich pflegt Schumacher auch Kontakte zu den Eltern der Kinder. Der Austausch mit ihnen findet im Rahmen von Elternversammlungen und in Einzelgesprächen vor und nach dem Unterricht statt. Sprachlich erhält er Unterstützung von einer Kollegin, die ebenfalls unterrichtet und ukrainisch spricht. Die Eltern haben viele Erwartungen und vor allem Angst, dass ihre Kinder etwas versäumen, wenn sie nicht gleich im ganzen Fächerkanon unterrichtet werden. «Ich muss ihnen verständlich machen, dass dafür ein Minimum an Deutschkenntnissen notwendig ist», so Schumacher. Viele Schülerinnen und Schüler besuchen zusätzlich den Online-Unterricht in der Ukraine. Dies auch, weil die meisten Eltern davon ausgehen, dass sie früher oder später in ihre Heimat zurückkehren werden.

 

Bleibt die Frage, was Hans-Jürgen Schumacher dazu bewogen hat, den Ruhestand temporär zu unterbrechen und wieder ins Schulzimmer zu wechseln. Er schmunzelt: «Ich mag Ruhe nicht so sehr. Ich unterrichtete schon immer sehr gerne und merke nun, dass ich mental abbaue, wenn ich keine Herausforderungen mehr habe. Es ist ein Geschenk und eine schöne Aufgabe, als alter Mensch junge Menschen begleiten zu dürfen, mit ihnen an der Zukunft zu bauen.» 

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