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Fokus Maturaarbeit 2026: Zwei ausgezeichnete Arbeiten im Rampenlicht

Text: Blogredaktion

Vorschaubild: Thomas Landolt

Auch 2026 wurden herausragende Maturaarbeiten von Zentralschweizer Gymnasiastinnen und Gymnasiasten beim Wettbewerb «Fokus Maturaarbeit» ausgezeichnet. Das Projekt macht die hohe Qualität der Arbeiten und die grosse thematische Vielfalt sichtbar. Der BKD-Blog richtet den Blick exemplarisch auf zwei dieser 40 Arbeiten und zeigt, womit die beiden Siegerinnen – Anne Mühlebach von der Kantonsschule Alpenquai und Jana Stettler von der Kantonsschule Seetal – überzeugen konnten.


In Kürze:

  • Fokus Maturaarbeit ist ein Wettbewerb, der seit 2012 besonders gelungene Maturaarbeiten aus der Zentralschweiz auszeichnet.
  • Dieses Jahr wurden über 40 Arbeiten eingereicht und von einer Fachjury bewertet.
  • In fünf Kategorien (von Naturwissenschaften bis Kunst) wurden die besten Arbeiten prämiert.
  • Die Arbeiten zeigen, wie wichtig genaues und strukturiertes wissenschaftliches Arbeiten ist.
  • Ziel ist es, die Qualität der Maturaarbeiten sichtbar zu machen und den Austausch zwischen Schule und Wissenschaft zu fördern.

Der Wettbewerb «Fokus Maturaarbeit» würdigt seit 2012 jedes Jahr besonders gelungene Maturaarbeiten aus unterschiedlichen Fachbereichen der Zentralschweizer Gymnasien. 2026 wurden über 40 Arbeiten nominiert. Eine renommierte Jury aus den Bereichen Hochschulbildung, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur kürte daraus die besten fünf Arbeiten in den Kategorien «Naturwissenschaften», «Physik, Mathematik, Informatik und Technik», «Geisteswissenschaften, Literatur und Linguistik», «Sozialwissenschaften» sowie «Bildende Künste, Musik und Theater».

Die Gewinnerinnen von «Fokus Maturaarbeit 2026»

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Die Preisträgerinnen des Wettbewerbs «Fokus Maturaarbeit» 2026; v.l.n.r.: Hongjia Meng, Jana Stettler, Gabriella Kidimbu, Ronja Amrhein und Anne Mühlebach. (Bild: Thomas Landolt)

Die ausgezeichneten Arbeiten zeigen, was wissenschaftliches Arbeiten auszeichnet: sorgfältige Recherche, methodisches Vorgehen, präzise Begriffsklärung sowie eine anschauliche und zugleich anspruchsvolle Darstellung der Ergebnisse. Akademisches Arbeiten bedeutet, genau hinzuschauen, Daten zu analysieren, Annahmen zu hinterfragen, Hypothesen zu prüfen und Zusammenhänge sichtbar zu machen. Diese Qualität wurde von der Jury bei den ausgezeichneten Arbeiten hervorgehoben. So brachte es der Rektor der Universität Luzern, Martin Hartmann, in seiner Festrede prägnant auf den Punkt: «Das hat Universitätsniveau!»

  • Kategorie «Naturwissenschaften»: Anne Mühlebach, Kantonsschule Alpenquai Luzern, Nikotinfreisetzung aus «All White Snus»
  • Kategorie «Physik, Mathematik, Informatik und Technik»: Hongjia Meng, Kantonale Mittelschule Uri, Heat Flows on Dirichlet Domains: Exponential Relaxation and Normalized Gradient Dynamics
  • Kategorie «Geisteswissenschaften, Literatur und Linguistik»: Jana Stettler, Kantonsschule Seetal, Zwischen Authentizität und Pluralität. Das performante Maskenspiel in Identität und Autofiktion
  • Kategorie «Sozialwissenschaften»: Gabriella Kidimbu, Kantonsschule Musegg Luzern, Der Einfluss dunkler Persönlichkeitsmerkmale auf den sozialen Umgang unter Jugendlichen
  • Kategorie «Bildende Künste, Musik und Theater»: Ronja Amrhein, Kollegium St. Fidelis Stans, Hautnah – Ein Tag im Leben eines Schmetterlingskindes 

Kategorie «Naturwissenschaften»: Nikotinbeutel unter der Lupe

Die Jury von «Fokus Maturaarbeit» hob hervor, dass Anne Mühlebach ein aktuelles und gesellschaftlich relevantes Thema fundiert untersucht hat. Besonders überzeugte ihr klares Vorgehen: Von der sorgfältigen Recherche über ein durchdachtes Experiment bis zu nachvollziehbaren Ergebnissen gelang es ihr, den wissenschaftlichen Prozess schlüssig und ohne Überinterpretation darzustellen.

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Anne Mühlebach untersuchte in ihrer Maturaarbeit an der Kantonsschule Alpenquai, wie viel und wie schnell Nikotin aus tabakfreien Nikotinbeuteln freigesetzt wird. (Bild: Thomas Landolt)

Anne Mühlebach, herzliche Gratulation zu Ihrem Sieg bei Fokus Maturaarbeit 2026.

Sie haben mit Ihrer Maturaarbeit «Nikotinfreisetzung aus «All White Snus» in der Kategorie «Naturwissenschaften» gewonnen. Woher kommt Ihr Interesse für Nikotinbeutel/ All White Snus?

Mein Interesse ist vor allem dadurch entstanden, dass ich gesehen habe, dass diese Nikotinbeutel immer mehr konsumiert werden, besonders bei Jugendlichen. Auch in meinem Umfeld habe ich dies festgestellt.

 

Gleichzeitig finde ich es spannend, wie Stoffe wie Nikotin im Körper wirken und warum sie so schnell abhängig machen. Da ich auch sehr gerne praktisch arbeite, habe ich mich entschlossen, das Ganze auch experimentell zu untersuchen. 

 

Was haben Sie genau untersucht und wie sind Sie bei der Untersuchung vorgegangen?

In meiner Maturaarbeit habe ich die Freisetzung von Nikotin aus verschiedenen tabakfreien Nikotinbeutel (sogenannte «All White Snus») untersucht. Ziel war es, den zeitlichen Verlauf der Nikotinkonzentration zu bestimmen und zu analysieren, wie schnell und in welcher Form das Nikotin freigesetzt wird.

Dafür habe ich die Beutel in eine künstliche Speichellösung gelegt, die die Bedingungen im Mund nachahmt. In bestimmten Zeitabständen habe ich Proben entnommen und mit einem UV-Vis-Spektrometer gemessen, wie viel Nikotin enthalten ist. Anschliessend habe ich mithilfe einer Kalibrierung Freisetzungskurven erstellt und die verschiedenen Produkte miteinander verglichen.  

 

Zusätzlich habe ich mithilfe von Fachliteratur untersucht, wie Nikotin im Körper aufgenommen wird und wie es wirkt. Dabei habe ich die Unterschiede zwischen Nikotinbeutel und Zigaretten verglichen. 


Welche Ergebnisse haben Sie besonders überrascht und warum?

Besonders überrascht hat mich, wie schnell und in welcher Menge Nikotin freigesetzt wird. Meine Ergebnisse zeigten, dass der grösste Teil des Nikotins in der ersten Minute freigesetzt wird. Ebenfalls unerwartet war, dass sich Produkte mit ähnlichem deklariertem Nikotingehalt teilweise deutlich unterschieden. In einigen Fällen lagen die gemessenen Mengen sogar über den Angaben der Hersteller. Was ich ebenfalls festgestellt habe, war, dass die enthaltene Nikotinmenge auf den Produkten sehr ungenau oder sogar gar nicht richtig deklariert wurden. All das zeigt, dass die tatsächliche Nikotinaufnahme für Konsumierende schwer abschätzbar ist. Diese Ergebnisse haben mir deutlich gemacht, dass Nikotinbeutel nicht harmlos sind, wie viele denken. 


Was empfehlen Sie anderen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, die sich in Ihrer Maturaarbeit mit einem naturwissenschaftlichen Thema befassen möchten?

Ich empfehle, ein Thema zu wählen, das einen wirklich interessiert und vielleicht auch gerade gesellschaftlich relevant ist. So ist man automatisch motivierter, die Arbeit zu erstellen.

 

Experimente durchzuführen, bringt ebenfalls Abwechslung zum Schreiben der Arbeit. Dabei braucht es aber auch viel Geduld und Offenheit, da Experimente nicht immer sofort funktionieren und auch oft nicht die erwarteten Resultate dabei rauskommen. Wichtig ist ausserdem, genügend Zeit einzuplanen und dranzubleiben.

Kategorie «Geisteswissenschaften, Literatur und Linguistik»: Zwischen Masken und Selbstbild

Die Jury würdigte Jana Stettlers Arbeit als differenzierte und vielschichtige Auseinandersetzung mit dem gesellschaftlichen Phänomen der Authentizität. Besonders überzeugte die Verbindung von philosophischen und soziologischen Ansätzen sowie die klare Struktur, mit der sie verschiedene Perspektiven auf Identität entwickelt und zu einer eigenständigen Gesamtbetrachtung zusammenführt.

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Jana Stettler untersuchte in ihrer Maturaarbeit an der Kantonsschule Seetal, was Authentizität in unserer Gesellschaft bedeutet und wie Identität durch verschiedene Rollen und «Masken» geprägt wird. (Bild: zVg)

Jana Stettler, herzliche Gratulation zu Ihrem Sieg bei Fokus Maturaarbeit 2026. Sie haben mit Ihrer Maturaarbeit «Zwischen Authentizität und Pluralität. Das performante Maskenspiel in Identität und Autofiktion» in der Kategorie «Geisteswissenschaften, Literatur und Linguistik» gewonnen. Worum geht es in Ihrer Arbeit?

Meine Maturaarbeit befasst sich mit dem gesellschaftlichen Phänomen der Authentizität im Kontext von Identität und Autofiktion. Im Zentrum steht die kritische Auseinandersetzung mit dem Authentizitätsbegriff im Spannungsfeld von Maske, Pluralität und Ironie. Ausgehend von Erik Schillings Werk «Authentizität: Karriere einer Sehnsucht» wird Authentizität zunächst analysiert; in diesem Rahmen wird eine grundlegende neue Definition des Begriffs entwickelt. 

 

Aufbauend aus dieser Erkenntnis wird das Phänomen der Authentizität im weiteren Verlauf in das Spannungsfeld von Pluralität (Masken und Ironie) eingeordnet. Dadurch wird das Authentizitätskonzept anhand pluraler theoretischer Ansätze kritisch hinterfragt. Die Arbeit bewegt sich somit in einem philosophischen Diskurs um Identität, erweitert diesen jedoch durch eine literaturwissenschaftliche Perspektive, die – im Zusammenspiel mit den zu Beginn grundlegenden theoretischen Ansätzen – eine inter- und transdisziplinäre Annäherung ermöglicht. Wichtige Grundlage bildet dabei der Roman Eurotrash von Christian Kracht, der das grosse Spannungsfeld und Wechselspiel von Authentizität und Pluralität durch die autofiktionale Selbstverortung exemplarisch vorführt und sich dabei auf den Begriff der Ambiguität bezieht. Letztlich nähert sich meine Maturaarbeit der Kernfrage: Ist Authentizität in einer komplexen, pluralen Gesellschaft erreichbar?


Wie sind Sie auf die Idee gekommen, sich in Ihrer Maturaarbeit mit diesem Thema zu beschäftigen?

Der grundlegende Startpunkt für die Idee, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, waren die Philosophie-Lektionen des Schwerpunktfaches PPP (Psychologie, Pädagogik, Philosophie). Besonders die interessanten Lektionen im Bereich des Themas Identität lockten mich zu meiner Themenwahl: Durch einen kurzen Auszug zur Wesensauthentizität, den wir im Unterricht im Rahmen des Themas Identität analysierten, kam ich erstmals mit dem Werk Authentizität: Karriere einer Sehnsucht und dem Autor Erik Schilling in Kontakt und war davon völlig fasziniert. Die Gedanken liessen mich auch ausserhalb des Unterrichts nicht los. Immer häufiger fiel mir im Alltag auf, wie Menschen ihr «wahres» Gesicht hinter verschiedenen Rollen verbergen. Insgeheim war ich oftmals verärgert und fragte mich, wieso man sich nicht völlig «authentisch» zeigen kann. Diese Beobachtungen und Gefühle führten schliesslich zu meiner Entscheidung, mich in meiner Maturaarbeit vertieft mit dem Authentizitätsbegriff auseinanderzusetzen.

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Homo Sociologicus: Das Individuum bewegt sich zwischen persönlicher Identität und gesellschaftlichen Einflüssen und übernimmt je nach Kontext unterschiedliche Rollen. (Bild: zVg)

Welche Rolle spielen «Masken» oder unterschiedliche Rollen, die Menschen im Alltag einnehmen?

Um die Bedeutung von verschiedenen Rollen, Masken und Facetten im Alltag zu verstehen, muss das Individuum in seiner soziologischen Einbettung betrachtet werden. Jeder Mensch bewegt sich innerhalb der Gesellschaft als Homo Sociologicus (Ralf Dahrendorf) – als Wesen, das nicht nur durch seine individuelle Persönlichkeit, sondern ebenso durch gesellschaftliche Einflüsse geprägt ist (vgl. Abbildung links).  


So entsteht ein Mensch, der am Schnittpunkt von Individualität und Gesellschaft steht und eine Vielzahl sozialer Rollen einnimmt, die er je nach Kontext wechselt und reflektiert. Diese Rollenvielfalt offenbart, dass Identität kein statisches und dogmatisches Konzept ist. Masken und Rollen sind in diesem Zusammenhang nicht als reine Verhüllung zu verstehen, sondern als Ausdruck einer pluralen Identität. 

 

Die unterschiedlichen Rollen, die Menschen nun im Alltag einnehmen, fordern nicht nur ein erwartetes Verhalten und eine Anpassung in unterschiedlichen Kontexten, sondern eröffnen zugleich Spielräume: Das Individuum spielt mit seinen Rollen. Es kann sie variieren, interpretieren, brechen oder ironisieren. So zeigt sich: Das Individuum ist tagtäglich darauf angewiesen, mit Rollen und Masken zu spielen – nicht um sich zu verstellen, sondern um sich im Spannungsfeld zwischen gesellschaftlichen Anforderungen und innerer Wahrheit immer wieder neu zu verorten.

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«Maskenfresser»: Menschen übernehmen im Alltag verschiedene Rollen, ein Bild für die Vielfalt von Identität und die Suche nach Authentizität. (Bild: zVg)

Zu welchem Schluss sind Sie gekommen: Kann man heute überhaupt noch «authentisch» sein?

Authentizität als moderner Anspruch nach Wahrheit, Übersichtlichkeit und Kontrolle wirkt zunächst überzeugend, erweist sich jedoch als brüchig. Die Vorstellung eines klaren, ehrlichen und festen Selbst ist letztlich eine Illusion. Diese Sehnsucht stösst an die Grenzen, weil Authentizität aufgrund des vielschichtigen Aufbaus des Individuums, gegeben durch soziale Rollen und ironischen Brechungen nie frei von Maskerade ist und diese eine Grundverfasstheit jedes Subjekts darstellt sowie Ausdruck einer pluralen Identität ermöglicht; dabei ihre eigene Beschaffenheit nicht leugnet. In diesem Sinne sind wir alle gewissermassen «Maskenfresser»: Wir leben durch sie und mit ihnen. Weder Individuen noch Literatur noch dessen Figuren noch die Gesellschaft als Ganzes können – oder sollten – starr und eindeutig funktionieren, wie es die Sehnsucht nach Authentizität zu Beginn erscheinen lässt.


Unterschiedliche Kontexte erfordern verschiedene Handlungen und Rollen, in denen variierende Performanzen gefordert sind. Eine solche Performanz – nicht nur im Verhalten, sondern auch im Denken – erleichtert im Vergleich zu einer dogmatischen Authentizität das Miteinander, ermöglicht Kompromisse, fördert die Akzeptanz von Widersprüchen und belebt die Interpretationskultur.

 

Ja, Authentizität ist heute erreichbar! Sie ist dann möglich, wenn der individuelle, plurale Charakter anerkannt und Ambiguitäten bewusst toleriert werden, ohne dass Authentizität dogmatisch gedacht wird und auf vollständige Transparenz verweist.

Was empfehlen Sie anderen Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, die sich in Ihrer Maturaarbeit mit einem Thema der Kategorie «Geisteswissenschaften, Literatur und Linguistik» befassen möchten?

Wählt ein Thema, das euch richtig packt! Eines, das euch Freude bereitet und zum Weiterdenken bringt – schliesslich begleitet euch diese Arbeit über einen längeren Zeitraum. Sammelt zu Beginn alle Ideen, die euch durch den Kopf gehen, und formt daraus Schritt für Schritt eine klare und übersichtliche Struktur. Traut euch dabei, in verschiedene Richtungen zu denken, Vergleiche zu ziehen und Verbindungen herzustellen; denn davon lebt diese Kategorie. Habt Mut, euer kritisches Auge zu gebrauchen und in ungewohnte Perspektiven zu tauchen – und verliert selbst in den strengsten Phasen nie die Hoffnung!


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