Text: Vera Bergen
Vorschaubild: Pexels / Japheth Mast
Radikalisierung passiert selten laut, sondern meist schleichend im Verborgenen. Studien zeigen, dass in der Schweiz immer mehr Jugendliche über soziale Medien, Gruppendruck oder persönliche Krisen in den Sog extremistischer Weltbilder geraten. Die Luzerner Polizei reagiert darauf mit dem kostenlosen Vortrags-Angebot «Jugend und Radikalisierung». Der BKD-Blog zeigt, worauf Eltern, Schulen und Lehrpersonen achten müssen, um frühzeitig zu erkennen, wenn junge Menschen in gefährliche Gedankengänge abgleiten.
In Kürze:
- Auch in der Schweiz ist Radikalisierung von Jugendlichen ein Thema.
- Radikalisierung ist ein schleichender Prozess und beginnt oft online, verstärkt durch soziale Medien und Filterblasen.
- Besonders gefährdet sind Jugendliche in der Identitätssuche, vor allem bei Isolation, Krisen oder Ausgrenzung.
- Warnsignale sind Rückzug vom Umfeld, Abwertung anderer Menschen und das Vertreten einer einzigen absoluten Wahrheit.
- Eltern und Schulen spielen bei der Früherkennung und Prävention eine Schlüsselrolle.
In der Schweiz gibt es noch nicht viele wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Radikalisierung bei Jugendlichen. Die letzte detaillierte Studie ist aus dem Jahr 2018 und stammt von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. Diese kam nach einer Umfrage bei über 8'000 Jugendlichen im Alter von 17 bis 18 Jahren zum Schluss, dass etwa 15 Prozent radikale Tendenzen zeigen. 5,9 Prozent der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund teilen rechtsextreme Einstellungen, 7 Prozent sind linksextrem eingestellt und 2,7 Prozent der muslimischen Jugendlichen sind islamistisch extremistisch.
Infobox: Radikalisierung – Erklärung von Siro Burkard

Radikalisierung beschreibt einen Prozess, in dem eine Person zunehmend extremere politische, soziale oder religiöse Überzeugungen entwickelt und dabei die Grundwerte des demokratischen Verfassungsstaates zunehmend ablehnt. Dieser Prozess kann bis zur Befürwortung oder Anwendung von Gewalt führen, um die eigenen ideologischen Ziele zu erreichen. Jede Form von Extremismus verfolgt dabei die Vorstellung, die Demokratie durch eine alternative politische Ordnung zu ersetzen.
Seither hat sich die Lage zugespitzt: So kommt es auch in der Schweiz vermehrt zu Verhaftungen von Jugendlichen wegen Terrorverdachts und es gab bereits radikalisierte Angriffe, wie etwa das Attentat auf einen Juden Anfang März 2024 durch einen 15-Jährigen.
Zunahme von Radikalisierungen

Dass der Trend zur Radikalisierung zunimmt, bestätigt auch die Antwort der Luzerner Regierung von Anfang November 2025 auf eine parlamentarische Anfrage: «In den letzten Jahren ist eine deutliche Zunahme der Radikalisierung in allen Extremismusbereichen festzustellen. Besonders gefährdet sind junge Menschen, die sozial instabil, isoliert oder in persönlichen Krisensituationen sind.» Neben der steigenden Zahl verändert sich auch das Erscheinungsbild des Extremismus. So «kamen in den vergangenen Jahren auch neue Phänomene, wie die antifeministisch geprägte «Manosphere» und Formen der Staatsverweigerung hinzu», erklärt Siro Burkard vom Präventionsdienst der Luzerner Polizei. Er agiert als sogenannter Brückenbauer bei der Luzerner Polizei. Damit hat er keine nachrichtendienstliche Funktion, sondern soll vor allem vorausschauend und integrierend wirken.
Wie Radikalisierung bei Jugendlichen entsteht
Bei einer Radikalisierung spielen entwicklungspsychologische Faktoren eine zentrale Rolle. «In der Phase zwischen Jugend und Erwachsenenalter entwickeln junge Menschen ihre Identität, möchten Autonomie gewinnen und erleben ein starkes Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu Gruppen. Parallel dazu suchen sie nach Sinn und Struktur in ihrem Leben und haben den Wunsch, Antworten auf existenzielle Fragen zu finden», sagt Siro Burkard.
Gerade in dieser Phase sind Jugendliche besonders anfällig für radikale Inhalte, wenn zusätzlich belastende Erfahrungen hinzukommen. Soziale Isolation, Diskriminierung oder Ausgrenzung durch Gleichaltrige sowie persönliche Krisen, etwa familiäre Instabilität, können die Identitätssuche erschweren und das Bedürfnis nach Orientierung verstärken. Extremistische Bewegungen nutzen diese Verletzlichkeit gezielt und «bieten ihnen nicht nur Zugehörigkeit, sondern auch eine Erklärung für das eigene Leiden und einen Weg, es zu „bekämpfen“», erklärt Siro Burkard.

Dabei ist Radikalisierung ein schleichender Prozess, der häufig dort beginnt, wo junge Menschen viel Zeit verbringen: im Netz. Zur Veranschaulichung beschreibt Siro Burkard diesen Prozess folgendermassen: «Ein Jugendlicher stösst online durch Algorithmen auf Inhalte, die seinen Sorgen entsprechen, und findet eine Online-Community, die sein Weltbild bestätigt. Das Gefährliche daran: Wer sich einmal für extremistische Inhalte interessiert, wird durch algorithmische Filterblasen zunehmend mit gleichgesinnten Positionen konfrontiert, wodurch sich die eigenen Überzeugungen weiter zuspitzen können.» Was online beginnt, wird später durch persönliche Kontakte und Treffen im realen Umfeld gefestigt und vertieft.
Warnsignale
«Es gibt keinen klar festgelegten Katalog, ab wann ein Radikalisierungsprozess «problematisch» oder «gefährlich» ist. Jede Situation erfordert eine Einzelfallbewertung durch Fachpersonen», sagt Siro Burkard. Eltern oder Lehrpersonen müssen also nicht wegen jeder politischen, sozialen oder religiösen Meinung alarmiert sein. Gerade im Jugendalter gehören Provokation, Rückzug oder das Testen von Grenzen zur normalen Entwicklung. Dennoch gibt es konkrete Hinweise, wie etwa die «3-A-Regel», welche als Hilfestellung zur Früherkennung dienen können:
- Abgrenzung: Der/Die Jugendliche distanziert sich vom bisherigen sozialen Umfeld, zieht sich zurück, bricht alte Freundschaften ab.
- Abwertung: Menschen mit anderen Überzeugungen werden nicht mehr als gleichwertig betrachtet, sondern herabgesetzt.
- Anspruch auf absolute Wahrheit: Die betroffene Person behauptet Zugang zu einer unumstösslichen Wahrheit zu haben, die nicht mehr hinterfragt oder diskutiert werden darf.
Wenn diese Anzeichen mit wachsender Isolation, einer starken Fixierung auf Online-Inhalte oder dem Verlust stabiler Bezugspersonen einhergehen, sollten Eltern und Lehrpersonen aufmerken. Fehlen gleichzeitig verlässliche Beziehungen, sinnvolle Freizeitangebote oder offene Gesprächsmöglichkeiten, kann sich ein Radikalisierungsprozess verstärken.
Infobox: Risiko- und Schutzfaktoren

Welche Faktoren Radikalisierung begünstigen oder abfedern können, zeigt die folgende Übersicht:
- Risikofaktoren: Diskriminierungserfahrungen, mangelnde soziale Integration, niedriges Selbstwertgefühl, psychische Belastungen, familiäre Instabilität, intensives Online-Leben in Isolation.
-
Schutzfaktoren: Stabile Familienbeziehungen, robustes Selbstwertgefühl, echte soziale Integration, Medienkompetenz, positive Vorbilder, Partizipationsmöglichkeiten in der Gesellschaft, kulturelle und religiöse Identität, Zugang zu Bildung und emotionale Unterstützung durch Vertrauenspersonen.
Was tun, wenn Anzeichen erkennbar sind?
Sind Anzeichen für einen Radikalisierungsprozess vorhanden, spielen Eltern und Schulen sowie weitere Bezugspersonen eine wichtige Rolle. Sie begleiten Jugendliche über längere Zeit, stehen in engem Kontakt und können Veränderungen oft früh wahrnehmen. Wichtig ist dabei, Beobachtungen ernst zu nehmen, jedoch nicht vorschnell zu verurteilen.
Im schulischen Kontext gilt: Hegen Lehrpersonen den Verdacht, dass ein Radikalisierungsprozess im Gange ist, sollten zwingend die Schulleitung und das Rektorat miteinbezogen werden. Zudem braucht es eine fachliche Einschätzung, etwa durch die Anlaufstelle Kantonales Bedrohungsmanagement. Diese kann eine Risikobeurteilung vornehmen und das weitere Vorgehen unterstützen.
Lehrpersonen können sich zudem gezielt weiterbilden, beispielsweise mit dem kostenlosen Präventions-Vortrag «Jugend und Radikalisierung» der Luzerner Polizei. Dieser vermittelt ein Verständnis dafür, was Radikalisierung und Extremismus ist und was Anzeichen für extremistisches Gedankengut sein können. Anhand von Beispielen wird veranschaulicht, welche Rolle die sozialen Medien in der ganzen Angelegenheit spielen. Weiter wird der Umgang mit Drohungen behandelt und Orientierung zur Zusammenarbeit mit Fachstellen gegeben, um die Handlungssicherheit bei den Fachpersonen zu erhöhen.
Auch im familiären Umfeld ist ein besonnener Umgang entscheidend. Für Angehörige lohnt es sich, ein offenes Gespräch ohne Konfrontation mit dem oder der Jugendlichen zu suchen. Interessen an Hobbys, Sport oder Vereinsaktivitäten können gestärkt werden, da solche Angebote Zugehörigkeit ohne Polarisierung vermitteln und als Schutzfaktoren wirken. Dabei sei «eine konfrontativ-verurteilende Haltung zu vermeiden», erklärt Siro Burkard. Aussagen wie «Du bist radikal» oder «Das ist alles Unsinn» könnten Jugendliche in die Defensive treiben und sie näher an extremistische Gruppen heranführen. «Sie bestätigen das extremistische Narrativ, dass die ‚normale Welt‘ den Jugendlichen nicht versteht», heisst es von der Luzerner Polizei.
Ergänzend können Schulpsychologinnen, Jugendarbeitende oder wiederum die Anlaufstelle Kantonales Bedrohungsmanagement beigezogen werden. Denn «eine gute, vertrauensvolle Beziehung zwischen dem oder der Jugendlichen und Familie oder Schule ist ein Schutzfaktor vor Radikalisierung und ein Hebel für Deradikalisierung», betont Siro Burkard.
Weiterlesen:

Kommentar schreiben