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Nachhilfe an der Kantonsschule Musegg: Lernende unterstützen Kinder aus benachteiligten Familien

Interview: Vera Bergen

Ein Pilotprojekt der Kantonsschule Musegg Luzern und des Jugendrotkreuzes Kanton Luzern bringt Gymnasiastinnen und Gymnasiasten und Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Haushalten zusammen. In der Gruppennachhilfe werden schulische Inhalte gezielt gefördert, Lernstrategien vermittelt und das Selbstvertrauen gestärkt. Der BKD-Blog zeigt, wie das Projekt funktioniert und warum alle davon profitieren.


In Kürze:

  • Bei einem Pilotprojekt der Kantonsschule Musegg Luzern und des Jugendrotkreuzes Kanton Luzern unterstützen Schülerinnen und Schüler der Kantonsschule Musegg Luzern Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten Familien im Rahmen einer Gruppennachhilfe.
  • Die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten unterstützen die Kinder bei Hausaufgaben, beim Lernen und bei der Prüfungsvorbereitung.
  • Das Angebot stärkt die Motivation, das Selbstvertrauen und die sozialen Kompetenzen aller Beteiligten.  

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Viele Eltern können sich Nachhilfe für ihre Kinder nicht leisten. Durch die Zusammenarbeit mit der Kantonsschule Musegg kann das Jugendrotkreuz Kanton Luzern die hohe Nachfrage besser abdecken. (Bild: Jugendrotkreuz Kanton Luzern)

Karen-Lynn Bucher, Sie sind Philosophie-Lehrerin und Lerncoach an der Kantonsschule Musegg Luzern. Seit Kurzem sind Sie auch für ein Gruppennachhilfe-Projekt in Zusammenarbeit mit dem Jugendrotkreuz des Kantons Luzern zuständig. Wie ist die Idee dafür entstanden? 

Die Idee entstand bei einem Treffen von HelloWelcome, einem Begegnungsort für Geflüchtete, Migrantinnen und Migranten sowie Einheimische. An diesem Anlass kam Venera Mrijaj, Leiterin des Jugendrotkreuzes Kanton Luzern, mit der Anfrage auf mich zu, ob Gymnasialschülerinnen und -schüler Kinder aus sozial benachteiligten Familien im Rahmen einer Gruppennachhilfe unterstützen könnten. Hintergrund ist die hohe Nachfrage in diesem Bereich beim Jugendrotkreuz Kanton Luzern, die mit den bestehenden Ressourcen derzeit nicht gedeckt werden kann. Insbesondere fehlt es an Freiwilligen für die individuelle 1:1-Betreuung der Nachhilfeschülerinnen und -schüler. Gemeinsam kamen wir rasch zum Schluss, die Gruppennachhilfe im Sinne eines Pilotprojekts an der Kantonsschule Musegg Luzern als möglichst niederschwelliges Angebot auszuprobieren.

 

Niederschwellig bedeutet, dass wir während der Pilotphase zunächst Unverbindlichkeit zulassen und sich die Lernenden nicht langfristig verpflichten müssen. Zudem handhaben wir die Einsätze der Jugendlichen möglichst flexibel, was  auch kurzfristige und spontane Teilnahmen möglich macht. Weiter ist das Einschreibeverfahren für die Schülerinnen und Schüler sehr einfach gehalten. Die Gruppennachhilfe findet in den Räumlichkeiten der Kantonsschule Musegg statt, so dass für die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten keine langen Wege entstehen und sie ihren freiwilligen Einsatz direkt im Anschluss an einen Unterrichtstag einplanen können. 

Wie viele Lernende der Kantonsschule Musegg haben sich für das freiwillige Projekt gemeldet und aus welchen Gründen?

Direkt nach dem Aufruf im Newsletter der Kantonsschule Musegg haben sich vier Schülerinnen gemeldet. Mittlerweile sind wir eine feste Gruppe mit fünf Kindern und 4–5 Freiwilligen bestehend aus Freiwilligen des Jugendrotkreuzes und Lernenden der Kantonsschule  Musegg. Wir haben die Gruppe in den ersten Wochen bewusst klein gehalten, um Erfahrungen zu sammeln. Nun soll sie nach und nach wachsen. 


Aus Sicht der Lernenden: «Die Kinder freuen sich wirklich darauf zu lernen»

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Lernende der Kantonsschule Musegg unterstützen Kinder aus sozial benachteiligten Familien in der Gruppennachhilfe des Jugendrotkreuzes Kanton Luzern. (Bild: zVg)

Agisha, Sie sind eine Schülerin der Kantonsschule Musegg und engagieren sich freiwillig im Gruppennachhilfe-Projekt. Warum haben Sie sich dafür angemeldet?

Ich finde, es ist ein grossartiges Angebot. Und ich kann mir gut vorstellen, wie wichtig es für die Kinder ist, dass sie eine gute Bildung erhalten. Ich weiss aus persönlicher Erfahrung, dass es nicht einfach ist, wenn zuhause eine andere Sprache gesprochen wird und man sich die gleichen Voraussetzungen wie die Deutschsprachigen wünscht. Darum wollte ich mithelfen. 

 

Wie erleben Sie die Nachhilfe-Stunden mit den Kindern? 

Ich freue mich immer auf den Donnerstagabend. Die Kinder sind so offen und strahlen. Das macht mir Freude. Ich finde es schön, dass ich mit den Kindern geduldig sein kann und sie keinen Stress haben. Sie sind sehr selbstständig, aber hören immer gut zu, wenn ich ihnen etwas erkläre. Es fällt mir aber manchmal schwer, möglichst einfach und spannend zu erklären, da ich schlecht einschätzen kann, wie weit sie schon den Stoff verstehen.

 

Woran merken Sie, dass Sie durch Ihr Engagement bei den Kindern etwas bewirken? 

Daran, dass die Kinder konzentriert und produktiv arbeiten. Wenn wir etwas wiederholen und sie es bereits wissen, zeigt mir das, dass sie es verstanden haben. Auch wenn sie sich nach einem Test gut fühlen und motiviert bleiben.

 

Warum lohnt es sich, bei diesem Projekt mitzumachen?

Weil sich die Kinder wirklich darauf freuen zu lernen und zu verstehen. Das erinnert einen daran, vieles mehr wertzuschätzen. Und es ist schön zu sehen, wie glücklich sie sind, wenn sie etwas verstehen und sich nicht mehr hinter anderen zurück fühlen.


Frau Bucher, wie sind die bisherigen Rückmeldungen zur Gruppennachhilfe?

Die Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler sind sehr positiv. Sie erleben das Projekt als sinnvoll und bedeutsam. Gleichzeitig zeigt sich, dass es ihr Selbstvertrauen stärkt und ihnen das Gefühl gibt, etwas bewirken zu können. Das ist eine wichtige Grundlage für Resilienz. 

Die Rolle als Coach in einem Lernsetting ist für Jugendliche anspruchsvoll, bietet aber zugleich die Chance, eigene Lernstrategien zu reflektieren. Es wäre spannend zu untersuchen, wie sich diese Erfahrung auf ihr eigenes Lernen auswirkt.

 

Da es sich um ein Pilotprojekt handelt, gibt es noch keine formelle Auswertung. Dennoch zeigt sich, dass auch die Kinder sehr gerne an der Gruppennachhilfe teilnehmen. In Gesprächen berichten sie etwa von Erfolgen bei Tests, für die wir gemeinsam geübt haben. Sie fühlen sich wohl und finden es «cool», in einem Schulzimmer der Kanti zu sein. Zudem bringen sie sich aktiv ein und äussern Wünsche für den interaktiven Teil, ein klares Zeichen für ihre Motivation.

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Spielerisches Lernen, wie etwa beim «Montagsmalen», stärkt schulische Integration, Selbstvertrauen und wichtige soziale Kompetenzen wie Kommunikation und Zusammenarbeit. (Bild: zVg)

Inwiefern trägt das Projekt aus Ihrer Sicht zur schulischen Integration von Kindern mit Migrationshintergrund bei?

Das Projekt richtet sich an Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Haushalten, da dieser Faktor einen besonders grossen Einfluss auf die Bildungschancen hat. Aktuell haben jedoch alle teilnehmenden Kinder einen Migrationshintergrund.

 

Wir arbeiten gezielt an schulischen Inhalten, bei denen sie Schwierigkeiten haben, sodass sie im Unterricht besser mitkommen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die individuelle Förderung: Wir sprechen mit den Kindern über ihre Ziele und stärken ihr Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit. Der interaktive Teil spielt dabei eine Rolle: Durch spielerisches Lernen werden soziale Kompetenzen wie Kommunikation, Eigenverantwortung und Zusammenarbeit gefördert.

 

Ziel des Projekts ist es, dass die Kinder langfristig selbstständig lernen. Sie sollen ihre Hausaufgaben, Übungen und die Testvorbereitung eigenständig planen und steuern können und dadurch weniger auf Unterstützung angewiesen sein. Dafür werden gezielt Lernstrategien vermittelt.


Aus Sicht der Lernenden: «Mir liegen diese Kinder wirklich am Herzen»

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Ein Kind arbeitet während der Gruppennachhilfe konzentriert an Deutschaufgaben. (Bild: zVg)

Sie  möchten anonym bleiben und engagieren sich ebenfalls als Freiwillige bei der Gruppen-Nachhilfe. Warum?

Mir liegen diese Kinder wirklich am Herzen und ich finde es wichtig, dass es auch kostenlose Angebote für Nachhilfe gibt. Ausserdem liebe ich es, Kindern etwas beizubringen.

 

Wie erleben Sie die Nachhilfe-Stunden?

Ich habe sie jedes Mal als sehr gut und effizient erlebt. Es macht mich jedes Mal glücklich, wenn ein Kind etwas verstanden hat.

 

Warum lohnt es sich mitzumachen?

Man merkt wirklich, dass die Kinder lernen wollen und Fortschritte machen. Diese eine Stunde pro Woche bringt ihnen viel. Und wenn wir ehrlich sind, würden die meisten von uns nichts Besseres mit dieser Zeit anfangen. Ausserdem erfüllt es mich jedes Mal mit grosser Freude. Auch wenn ich müde komme: Wenn ich gehe, bin ich viel erfüllter und glücklicher.


Karen-Lynn Bucher, wie geht es nun mit dem Projekt weiter?

Wir können uns gut vorstellen, die Gruppe zu vergrössern. Wichtig ist dabei ein gutes Gleichgewicht, damit genügend Zeit für den Beziehungsaufbau bleibt und das Verhältnis zwischen Freiwilligen und Kindern stimmt.

 

Für die Kantonsschule Musegg bietet das Projekt weiteres Potenzial, etwa im Bereich der Begabungs- und Begabtenförderung. Dabei liegt der Fokus auf den metakognitiven Lernstrategien. Diese werden künftig im Rahmen der WEGM-Reform mit begleiteter Selbstlernzeit an Gymnasien (BSZ) noch wichtiger. Auch beim Engagement für das Gemeinwohl sehen wir Chancen, wenn das Projekt langfristig an der Schule verankert wird.

 


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