Text: Vera Bergen
Vorschaubild: Dienststelle Volksschulbildung DVS Kanton Luzern
Wie reagieren Schulen am besten auf herausforderndes Verhalten? Diese Frage prägt den Schulalltag seit Jahren. Mit dem Entwicklungsvorhaben «Schulen für alle» unterstützt der Kanton Luzern Schulen im Themenfeld «Herausforderndes Verhalten» mit drei Bausteinen. Diese helfen dabei, schulische Strukturen weiterzuentwickeln und Lehrpersonen auf schwierige Situationen vorzubereiten. Seit Sommer 2025 erproben bereits 50 Luzerner Gemeinden den Baustein «System Schule stärken» in der Praxis und berichten von ihren Erfahrungen.
In Kürze:
- Der Kanton Luzern entwickelt seine Volksschulen seit 2023 mit dem Entwicklungsvorhaben «Schulen für alle» weiter. Drei Bausteine beschäftigen sich mit herausforderndem Verhalten im Schulalltag: Mindset Verhalten, System Schule stärken und Handlungsrepertoire.
- Ziel ist es, die sozio-emotionale Entwicklung der Schülerinnen und Schüler zu stärken und Lehrpersonen im Umgang mit schwierigen Situationen wie Unterrichtsstörungen oder Konflikten zu unterstützen.
- Die Bedeutung des Themas wächst: 703 Lernende erhalten derzeit integrative Sonderschulmassnahmen im Bereich Verhalten, deutlich mehr als noch vor wenigen Jahren.
- Seit Sommer 2025 arbeiten 50 Luzerner Gemeinden mit dem ersten der Bausteine. Schulen entwickeln dabei eigene Lösungen, zum Beispiel Time-in-Angebote, Coaching für Lehrpersonen oder Programme für sozio-emotionales Lernen.
- Der Entwicklungsprozess dauert mehrere Jahre. Ziel ist es, dass Schulen herausforderndes Verhalten früh erkennen, besser damit umgehen können und so ein ruhiges und sicheres Lernumfeld für alle schaffen.
Mit «Schulen für alle» entwickelt der Kanton Luzern seine Volksschulen seit dem Jahr 2023 gezielt weiter. Die zuständige Dienststelle Volksschulbildung reagiert damit auf den gesellschaftlichen und digitalen Wandel, der Schulen vor immer neue Herausforderungen stellt. Das Entwicklungsvorhaben ist in verschiedene Bausteine unterteilt, aus denen Schulen auswählen können. Einige Bausteine sind jedoch für alle Schulen verpflichtend.

Die Bausteine «Mindset Verhalten» und «System Schule stärken» sind ein Teil von «Schulen für alle». Im Zentrum steht die sozio-emotionale Förderung von Schülerinnen und Schülern. Die sozio-emotionale Entwicklung beschreibt den Prozess, in dem Kinder lernen, eigene Gefühle zu verstehen, zu regulieren und auszudrücken, Beziehungen zu anderen aufzubauen und soziale Kompetenzen wie Empathie und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Gleichzeitig werden Lehrpersonen darin gestärkt, souverän und angemessen auf Störungen des Unterrichts, körperliche Übergriffe oder Arbeitsverweigerung, zu reagieren.
Wie wichtig es ist, präventiv in dieses Thema zu investieren, zeigen auch aktuelle Zahlen: Im laufenden Schuljahr erhalten im Kanton Luzern 703 Lernende integrative Sonderschulmassnahmen im Bereich Verhalten und sozio-emotionale Entwicklung. Das sind 120 mehr als im Vorjahr und 1,6 Prozent aller Lernenden in der Volksschule. Zum Vergleich: Im Schuljahr 2021/22 waren es 285 Lernende, die im Bereich Verhalten und sozio-emotionale Entwicklung eine integrative Sonderschulung erhielten. Ziel ist daher, mit der gezielten und systemischen Förderung ab dem Schuleintritt künftige Sonderschulungen zu vermeiden.
Gemeinsam das System Schule stärken

Der Baustein «System Schule stärken» ist für alle Schulen im Kanton Luzern obligatorisch. «Es können sich nur ganze Gemeinden, nicht aber einzelne Schuleinheiten innerhalb einer Gemeinde für den Baustein «System Schule stärken» anmelden, erklärt Projektleiter Marco Racheter von der Dienststelle Volksschulbildung. Das heisst aber nicht, dass alle Schulen an denselben Themen arbeiten oder dieselben Angebote umsetzen. «Es geht darum, dass die Entwicklung innerhalb der Gemeinden koordiniert, Fachstellen einbezogen und die Entwicklung der Angebote auf das Alter der Lernenden abgestimmt sind», so Racheter weiter.
Darum beginnt die Umsetzung mit einer Standortbestimmung. «Die Schule vergleicht ihre Situation mit dem kantonalen Zielbild. Sie leitet daraus eigene Entwicklungsziele ab, konstituiert eine Begleit- und Unterstützungsgruppe und erstellt einen Vorschlag, wie viele Ressourcen sie dafür braucht», sagt Marco Racheter.
Die Gelder für die Umsetzung des Bausteins «System Schule stärken» stammen aus dem 50-Millionen-Paket, das die Luzerner Kantonsregierung gemeinsam mit den Gemeinden für die Massnahmen zur Attraktivierung des Lehrberufs gesprochen hat. Im vergangenen Jahr standen dafür 5,9 Millionen CHF zur Verfügung, in diesem Jahr sind es über 14 Millionen CHF.
Bei der Umsetzung fällt auf, dass viele Schulen zuerst Rollen und Zuständigkeiten klären, bestehende Unterstützungsangebote weiterentwickeln oder Programme zur Förderung des sozio-emotionalen Lernens einführen, wie etwa das Krienser Angebot «Löwenpower», das die Resilienz der Lernenden fördert oder Lernangebote in der Natur, die Teamarbeit erfordern. Ziel ist dabei immer, dass Schulen gezielt soziales Lernen fördern und innerhalb ihrer Organisation stärker verankern. Zudem sollen Lehrpersonen im Umgang mit herausfordernden Situationen kompetenter unterstützt werden.
Erste Erfahrungen aus den Schulen
Im Sommer 2025 sind 50 Luzerner Gemeinden in die Umsetzung des obligatorischen Bausteins «System Schule stärken» gestartet. Bereits bemerken einige Schulen Veränderungen im Schulalltag. Carla Blumenthal, Schulleiterin der Gemeindeschule Schüpfheim, beschreibt die aktuelle Situation als Lernprozess: «Wir sind mittendrin und gehen Schritt für Schritt vorwärts. Wir probieren aus und schauen, was für unsere Schule nützlich ist.» Besonders bemerkenswert sei dabei die Haltung im Team. «Im Vergleich zu anderen Schulentwicklungsprojekten ist die Identifikation der Lehrpersonen und Mitarbeitenden mit dem Thema sehr hoch. So entsteht eine Aufbruchstimmung, die Energie gibt.»
Auch an der Schule Adligenswil ist die Stimmung positiv. «Die Arbeit mit dem Baustein «System Schule stärken» erleben wir als sehr bereichernd», sagt Claudia Christen, Rektorin und Verantwortliche für die Schul- und Unterrichtsentwicklung. Im Schulalltag seien spürbare Veränderungen erkennbar. Die schnellen Fortschritte könnten auch damit zusammenhängen, dass die Gemeinde Adligenswil schon vor der Arbeit am Baustein Veränderungen eingeleitet hat. «Durch die Einführung von Time-in zu Beginn des Schuljahres 2024/25 und die gemeinsame pädagogische Haltung «Stärke statt Macht» hat sich der Umgang mit herausfordernden Situationen bereits deutlich verbessert», so die Rektorin weiter. Time-in-Angebote bieten Schülerinnen und Schülern bei emotionalen oder sozialen Schwierigkeiten eine begleitete Auszeit im Schulalltag und unterstützen sie dabei, Beziehungen zu stärken und neue Kompetenzen zu entwickeln.

Eine wichtige Rolle spielt in Adligenswil auch die neu geschaffene Koordinationsstelle. «Seit dem Start der Koordinationsperson Verhalten im SJ 25/26 profitieren Lehrpersonen, Klassen und Schulleitungen von einer schnellen und fachlich fundierten Unterstützung. Das entlastet das System und stärkt die Lehrpersonen», so Claudia Christen weiter.
Die Gemeinde Kriens nutzt den Baustein, um bestehende Angebote zu erweitern und stärker miteinander zu verbinden. Zuerst wurde ein gemeinsames Zielbild formuliert, dabei «war es zentral, die Ressourcen der Integrativen Begabungs- und Begabtenförderung IBBF mit jenen des Bausteins «System Schule stärken» zu verknüpfen, um so alternative Lernorte für alle zu schaffen», sagt Franziska Lustenberger, Bereichsleiterin Pädagogik der Volksschule Kriens. Und sie bemerkt schon Veränderungen: «Im Schulalltag ist bereits spürbar, dass das Thema Verhalten vermehrt als gemeinsame pädagogische Verantwortung wahrgenommen wird. Die Bedeutung des sozio-emotionalen Lernens sowie von unterstützenden Lernsettings ist gewachsen und es entwickelt sich zunehmend ein gemeinsames Verständnis dafür, wie präventive und ressourcenorientierte Ansätze wirksam in den Schulalltag integriert werden können.»
Ein Prozess über mehrere Jahre
Der Baustein «System Schule stärken» ist als längerfristiger Entwicklungsprozess angelegt. Gemeinden verpflichten sich, während drei Jahren intensiv an der Thematik zu arbeiten und ihre Strukturen zu verbessern und auszubauen. Regelmässige Austauschtreffen mit der Dienststelle Volksschulbildung ermöglichen den Dialog zwischen den Schulen und unterstützen die Weiterentwicklung wie auch die Qualitätssicherung.
Langfristig geht es darum, den Umgang mit herausforderndem Verhalten stärker als Teil schulischer Entwicklungsarbeit zu verstehen. Wenn Schulen ein unterstützendes Umfeld schaffen und die sozio-emotionale Entwicklung fördern, profitieren nicht nur einzelne Kinder, sondern auch deren Eltern und das gesamte System Schule.
Weitere Informationen zu «Schulen für alle» und der Dienststelle Volksschulbildung




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