Text: Andrea Renggli
Bilder: zVg
In der Basisstufe treffen Kindergarten und Unterstufe aufeinander. Vier- bis achtjährige Kinder lernen gemeinsam in einer Klasse. Das altersgemischte Modell hat sich im Kanton Luzern nach gut 20 Jahren etabliert und zeigt, wie individuelle Lernwege, Teamteaching und spielerisches Lernen im Schulalltag zusammenwirken.
In Kürze:
- In der Basisstufe lernen Kinder von etwa vier bis acht Jahren gemeinsam, arbeiten aber an unterschiedlichem Lernstoff.
- Die Basisstufe ist ein Modell für den 1. Zyklus und vereint Kindergarten sowie 1. und 2. Klasse in einer Klasse.
- Die Kinder können sich in ihrem eigenen Tempo entwickeln und voneinander lernen.
- Zwei Lehrpersonen begleiten die Klasse im Teamteaching gemeinsam und unterstützen die Kinder gezielt.
- Im Kanton Luzern können Gemeinden die Basisstufe, das klassische Modell Kindergarten/Unterstufe oder beides anbieten.
Es ist kurz vor halb neun in der Basisstufenklasse Blau. Einige Kinder sind bereits vertieft ins Spiel. In der Bauecke entsteht seit zwei Wochen ein mehrstöckiges Haus mit Lift und Solardach, am Boden werden Kartonrollen zugeschnitten. Am Tisch im Nebenzimmer schreiben zwei Kinder mit ihren ersten Wörtern eine Geschichte über ein Waldpicknick. Im Sitzkreis rechnet eine kleine Gruppe mit Frau Flühler mit farbigen Punkten und Zehnerfeldern. Und Frau Kägi bespricht am Pult mit Liv, welche Tätigkeit sie als Nächstes in Angriff nehmen könnte.
Alle Kinder lernen. Nicht dasselbe, nicht im gleichen Tempo, aber gemeinsam und auf ihrem jeweiligen Entwicklungsstand. Was wir hier sehen, ist kein pädagogisches Experiment, sondern gelebter
Alltag in einer Basisstufe.

Ein Modell für den ganzen 1. Zyklus
Die Basisstufe ist ein Schulmodell des 1. Zyklus. Sie verbindet den Kindergarten sowie die 1. und 2. Klasse und umfasst eine altersdurchmischte Lerngruppe von vier- bis achtjährigen Kindern. Die Unterschiede zwischen den Kindern sind dabei so gross, dass niemand auf die Idee kommt, alle Lernenden gleich zu behandeln. In diesen Gruppen ist es selbstverständlich, dass Kinder unterschiedlich weit sind und sich genau daraus gute Lern- und Entwicklungschancen ergeben.
In einer Basisstufenklasse sind im Durchschnitt etwas mehr Kinder anzutreffen als in einer klassischen Kindergarten- oder Unterstufenklasse. Die Klasse wird von zwei Lehrpersonen gemeinsam verantwortet, die sich ein Pensum von insgesamt 150 Prozent teilen. Mindestens zwei Räume sind dafür zwingend erforderlich. Die Lehrpersonen arbeiten als Unterrichtsteam eng zusammen, um die einzelnen Kinder und ihre Entwicklung kontinuierlich im Blick zu behalten. Im Teamteaching teilen sie sich die Verantwortung für Planung, Unterricht sowie Spiel- und Lernbegleitung. Das gilt ebenso für die Elternarbeit und für die Zusammenarbeit in multiprofessionellen Teams an den Schulen. Wichtig ist: Die Basisstufe ist keine Übergangslösung zwischen Kindergarten und Schule, sondern ein eigenständiges und vollwertiges Modell innerhalb des 1. Zyklus.
Ein Luzerner Alleinstellungsmerkmal
Auch andere Kantone kennen die Basisstufe. Im Kanton Luzern hat sie jedoch eine besondere Stellung. Die Gemeinden können selbst entscheiden, welches Modell im 1. Zyklus angeboten wird. Möglich ist das klassische Modell mit Kindergarten und Unterstufe, die Basisstufe oder auch beide Modelle nebeneinander. Diese Wahlfreiheit besteht mit vergleichsweise tiefen strukturellen Hürden und hat dazu geführt, dass sich die Basisstufe über Jahre hinweg etablieren konnte.
Sie ist damit kein Nischenmodell, sondern Teil der regulären Volksschullandschaft. Getragen wird sie von Gemeinden, Schulteams sowie einer entsprechenden Aus- und Weiterbildung.
Wie alles begann – und was bleibt
Die Basisstufe entstand Anfang der 2000er-Jahre im Rahmen von Schulversuchen der Ostschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz EDK-Ost. Ziel war es, den Übergang vom Kindergarten in die Schule neu zu denken und besser an die tatsächlichen Entwicklungsverläufe der Kinder anzupassen.
Heute, rund zwanzig Jahre später, kann die Basisstufe auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken. Viele der damaligen Fragen sind aktueller denn je. Dazu gehört der Umgang mit Heterogenität in den ersten Schuljahren, die Gestaltung von Übergängen und die Individualisierung von Lernwegen. Die Basisstufe liefert darauf keine einfachen Antworten, stellt aber Strukturen zur Verfügung, die tragfähige Lösungen ermöglichen.
Vier Lern- und Erfahrungsräume
Der Alltag in der Basisstufe ist so gestaltet, dass sich die Kinder orientieren können und ein lernförderliches Klima entsteht. Die Unterrichtsbausteine Thema, Kurs, Plan und Freie Tätigkeit nach E. Achermann beschreiben vier Lern- und Erfahrungsräume, die den Tag und die Woche strukturieren. Die Kinder lernen in Kleingruppen, zu zweit, alleine oder gemeinsam in der ganzen Klasse.
Eine zentrale Rolle spielt die Freie Tätigkeit, insbesondere das Spiel. Dabei beschäftigen sich die Kinder mit Themen, die sie interessieren und herausfordern. Sie erforschen Materialien, erproben Strategien zur Problemlösung oder handeln in Gruppen Rollen und Regeln aus. So erwerben sie fachliche Kompetenzen und lernen gleichzeitig, wie Zusammenleben funktioniert.
Die Lehrpersonen übernehmen je nach Entwicklungsstand der Kinder eine beobachtende, begleitende oder gezielt unterstützende Rolle. Weil die Kinder mehrere Jahre in der Basisstufe bleiben, können sie fliessend und in ihrem eigenen Tempo vom spielerischen Lernen zu stärker zielorientierten Lernformen übergehen.
Was die Basisstufe ermöglicht
Die Basisstufe bietet eine Reihe von pädagogischen Vorteilen:
- Die Vielfalt der Kinder wird als Normalfall wahrgenommen.
- Kinder bauen Kompetenzen in ihrem eigenen Tempo auf.
- Jedes Kind kann so lange im 1. Zyklus und in der vertrauten Klasse bleiben, bis die erforderten Kompetenzen aufgebaut sind.
- Kinder lernen gerne voneinander. Die Altersdurchmischung eröffnet viele Gelegenheiten für gegenseitige Unterstützung.
- Regeln und Rituale werden von älteren Kindern an jüngere Kinder weitergegeben.
- Übergänge können fliessend gestaltet werden.
- Beziehungen zu Lehrpersonen und zwischen den Kindern bleiben über mehrere Jahre bestehen und bieten Sicherheit.
Diese Potenziale kommen besonders dann zum Tragen, wenn die Basisstufe als eigenständiges Modell umgesetzt wird und nicht an Strukturen der Jahrgangsklasse angepasst werden muss.
Teamarbeit als Schlüssel zur Qualität
Das Unterrichten im 1. Zyklus ist anspruchsvoll. Die Kinder bringen sehr unterschiedliche Erfahrungen mit und lernen erstmals in einer grösseren Gruppe, wie schulisches Lernen gemeinsam funktioniert. Das stellt hohe Anforderungen an die Professionalität der Lehrpersonen, an Teamarbeit und an eine gemeinsame pädagogische Haltung.
Gerade in der Basisstufe ist eine gute Abstimmung im Unterrichtsteam zentral. Das Teamteaching muss bewusst eingesetzt werden, um der Alters- und Entwicklungsvielfalt mit individuellen Lernangeboten begegnen zu können. Diese Zusammenarbeit ist gleichzeitig eine Entlastung und ein wichtiger Qualitätsfaktor, weil Verantwortung, Beobachtungen und Entscheidungen geteilt werden können.
Die mehrjährige Begleitung der Kinder vom Eintritt in die Basisstufe bis zum Übergang in die 3. Klasse verlangt Ausdauer und Flexibilität. Viele Lehrpersonen erleben diese Kontinuität jedoch auch als grosse Bereicherung, weil Beziehungen zu Kindern und Eltern über längere Zeit wachsen können. Organisatorische Fragen wie Raum oder Ressourcen gehören dazu, sind gestaltbar und Teil eines professionellen Schulentwicklungsprozesses.

Gut vorbereitet
Ein zentraler Faktor für die Qualität der Basisstufe ist die Aus- und Weiterbildung. Die Pädagogische Hochschule Luzern deckt die Basisstufe sowohl in der Ausbildung als auch in der Weiterbildung ab. Vermittelt werden spezifische Kompetenzen für die Arbeit mit vier- bis achtjährigen Kindern, etwa altersgemischtes Lernen, Spiel- und Lernbegleitung, Didaktik der frühen Jahre sowie Teamarbeit. Damit ist die Basisstufe im Kanton Luzern institutionell verankert und nicht vom Engagement Einzelner abhängig.
Ein Modell mit Perspektive
Nach rund zwanzig Jahren ist die Basisstufe im Kanton Luzern etabliert. Sie ist eine erprobte, reflektierte und weiterentwickelte Alternative zum klassischen Modell mit Kindergarten und Unterstufe. Sie ist kein besseres Modell, sondern ein gleichwertiges, das unterschiedliche pädagogische Zugänge ermöglicht.
Ein zusätzlicher Vorteil liegt in der Durchlässigkeit. Kinder können die Basisstufe ohne grosse Hürden und ohne formelle Anträge in drei bis fünf Jahren durchlaufen. Das entlastet Kinder, Eltern und Lehrpersonen. Die Luzerner Wahlfreiheit schafft Raum, diese Vielfalt zu leben, im Interesse der Kinder, der Familien und der Schulen.
Weitere Informationen rund um die Volksschule im Kanton Luzern:




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