Text: Dominik Nützi / Vera Bergen
Zwölf Wochen frei vom Unterricht und dafür ein Mobilitätsprojekt von mindestens drei Wochen eigenverantwortlich planen und ausführen. Das war die Vorgabe für Lernende des zweiten Lehrjahrs am Berufsbildungszentrum Wirtschaft, Informatik und Technik. Während dieser Zeit reisten die Schülerinnen und Schüler im Sommer 2025 in andere Sprachregionen, absolvierten Praktika und/oder belegten Sprachkurse. Was bleibt, sind neu gewonnene Kompetenzen, Anekdoten vom Alltag im Ausland und Erkenntnisse darüber, wie Schule und Leben ineinandergreifen können.
In Kürze:
- Das Berufsbildungszentrum Wirtschaft, Informatik und Technik BBZW ermöglicht Lernenden im 2. Lehrjahr ein freiwilliges Mobilitätsprojekt von mindestens drei Wochen.
- Die Lernenden planen ihren Aufenthalt selbst. Das kann ein Sprachkurs, ein Praktikum oder Arbeit in einer anderssprachigen Filiale sein.
- Dabei werden sie von einer Lehrperson begleitet und unterstützt.
- Ziel ist es, Sprachen zu lernen, neue Kulturen kennenzulernen und praktische Erfahrungen zu sammeln.
- Das Mobilitätsprojekt endete für die Lernenden mit einem «Reflexionsauftrag», wo sie ihre Erfahrungen und Erlebnisse zusammenfassten. Auch in den kommenden Jahren wird das BBZW den Lernenden wieder ein Mobilitätsprojekt ermöglichen.
Das zweite Lehrjahr des Berufsbildungszentrums Wirtschaft, Informatik & Technik BBZW endete diesen Sommer für viele Lernende des Bereiches Kauffrau / Kaufmann EFZ KEF anders als gewohnt. Denn die Schülerinnen und Schüler der Standorte Sursee und Willisau des BBZW hatten die Möglichkeit an einem freiwilligen Mobilitätsprojekt von mindestens drei Wochen teilzunehmen. Damit die Lernenden ihren Aufenthalt flexibel planen konnten, hatten sie insgesamt 12 Wochen unterrichtsfreie Zeit zur Verfügung. Um dies möglich zu machen, legte das BBZW im Phasenplan der reformierten Ausbildung zur Kauffrau oder zum Kaufmann zwei Wochen Qualifikationsverfahren, drei Unterrichtswochen, sechs Wochen Sommerferien und eine Einführungswoche zusammen.

Selbstständige Organisation des Aufenthalts
Um in den Genuss dieser unterrichtsfreien Zeit zu kommen, mussten die Lernenden aber einiges liefern: Sie mussten ihren Aufenthalt in einer fremdsprachigen Region - an einer Sprachschule, in einem Praktikum oder in einem Einsatz innerhalb des Lehrbetriebs an einem anderssprachigen Standort - eigenständig vorbereiten. Weiter musste ihr Aufenthalt zu ihren persönlichen Lernzielen und Voraussetzungen passen. Obwohl die Lernenden selbstständig planten, wurden sie von einer Lehrperson begleitet und unterstützt. Fast alle Lernenden entschieden sich statt Schulalltag für neue Sprachen, Städte und Arbeitswelten. Was als schulische Aufgabe begann, wurde für viele zu einer einmaligen Erfahrung, die noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Verbindende Erfahrungen trotz unterschiedlicher Wege
Trotz der individuellen Freiheit, die das Projekt bot, teilten viele Lernende ähnliche Ideen: Sie wollten ihre Sprachkenntnisse vertiefen, neue Menschen kennenlernen und herausfinden, wie es sich anfühlt, mehrere Wochen lang in einer anderen Kultur zu leben. So führte der Weg von Priscila und Iara nach Lyon, wo sie sich an der Sprachschule Alpadia vier Wochen lang auf das DELF-B2-Diplom vorbereiteten. Die beiden erinnern sich noch heute an den Moment der Ankunft: Die Vorfreude gross, die Erwartungen hoch und dann der Zug, der sie von Genf nach Frankreich bringen sollte. «Der sah aus wie aus dem Jahr 1970!», lacht Iara rückblickend. Der Anfang ihres Auslandaufenthalts war so zwar weniger glamourös als auf Reiseblogs, dafür aber umso echter.
Mut zur Offenheit
Währenddessen suchte Carmen den Sprung ins Unbekannte auf Malta. Eigentlich hätte sie mit einer Kollegin reisen sollen, doch diese sprang kurzfristig ab. Was als Enttäuschung begann, wurde für Carmen zu einer Lektion in Mut und Offenheit. «Ich merkte schnell, dass ich nie wirklich allein war: weder bei der Gastmutter noch in der Schule oder auf Ausflügen. Ich hatte stets Kontakt zu Mitmenschen. Daraus habe ich gelernt, offen für Neues zu sein!», erzählt sie heute. Der Sprachaufenthalt war für sie damit nicht nur Englischtraining, sondern eine Lebensschule.

Ungeplanter Perspektivenwechsel im Praktikum
Auch diejenigen, die sich für ein Praktikum entschieden, machten prägende Erfahrungen. Silia etwa landete in Dublin in einer Abteilung, «die nichts mit dem KV am Hut hatte». Der erste Frust verwandelte sich jedoch rasch in Neugier, denn gerade der ungeplante Perspektivenwechsel brachte sie weiter. Sie arbeitete mit «college students» zusammen, lernte den irischen Arbeitsrhythmus kennen und lacht noch heute darüber, dass dem altehrwürdigen «Book of Kells» zwar Stürme und Wikinger nichts anrichten konnten, aber angeblich das Licht ihrer Handytaschenlampe eine grosse Gefahr darstellen sollte.
Lernen im eigenen Betrieb, aber woanders
Aline wiederum blieb ihrem Betrieb treu, wechselte aber für mehrere Wochen an die Filiale in der Westschweiz. Für sie bedeutete der Aufenthalt nicht nur Sprachpraxis, sondern einen Einblick in eine anders tickende Arbeitskultur. Auch wenn «nicht alles optimal vorbereitet war» und sie anfänglich noch Aufgaben aus der Deutschschweiz erledigen musste, nahm sie viel aus dem Perspektivenwechsel mit, fachlich und persönlich.
Reisen, auch wenn mal etwas schiefgeht

Und schliesslich waren da Robin und Vanessa, die sich für einen Aufenthalt in Nizza entschieden hatten. Ihre Reise begann turbulent: Ihr Hinflug wurde annulliert, sie mussten improvisieren, ein Hotelzimmer buchen und mit einem Tag Verspätung starten. «Es war ein eindrückliches Erlebnis», sagt Robin später. Und zwar nicht trotz der Umstände, sondern gerade wegen ihnen. Mobilität, das lernten die beiden schnell, heisst nicht nur reisen, sondern Lösungen finden.
Es bleiben verbindende Erlebnisse
Ob am Strand von Malta, im Klassenzimmer von Lyon, im Büro in Dublin oder in einer Westschweizer Filiale, am Ende erzählen alle Lernenden dieselben Geschichten: vom Mut, sich auf Neues einzulassen, von Begegnungen und vom Lernen, das ausserhalb des Klassenzimmers beginnt und oft dort am intensivsten ist, wo Unvorhergesehenes passiert. Priscila fasst es passend zusammen: «Es war eine einmalige Erfahrung, die viele Vorteile mit sich gebracht hat!»
Wie weiter nach dem Mobilitätsprojekt?
Diese einmaligen Erfahrungen durften die Lernenden nach ihrer Rückkehr zunächst sacken lassen und verarbeiten. Im Rahmen eines Portfolioauftrages wurde die Planung und Durchführung anschliessend nochmals reflektiert. Ein kreatives Video mit Bildern und Clips aus den verschiedenen Projekten und ein angeleitetes Reflexionsgespräch zeigten, mit welchem Enthusiasmus die Lernenden auch im Nachgang von ihren Erlebnissen erzählten und wie viele persönliche Erkenntnisse sie aus dem Projekt ziehen konnten.
Auch die kommenden Jahrgänge der KEF-Klassen dürfen sich zu gegebener Zeit auf das Abenteuer Mobilitätsprojekt einlassen, dieses ist gemäss Phasenplan der KEF-Klassen weiterhin vorgesehen und wird sicherlich neue, spannende Geschichten mit sich bringen.
Weitere Informationen rund um die Berufsbildung im Kanton Luzern:

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